Das Büchlein von William R. B. Acker erschien 1937 und ist wahrscheinlich die erste öffentlich zugängliche, westliche Publikation über japanisches Bogenschiessen (Herrigels "Die Ritterliche Kunst des Bogenschiessens" erschien 1936 in der Zeitschrift für Japanologie). Bei Acker steht die Schießtechnik im Vordergrund. Sein japanischer Lehrer und er haben zusammen die einzelnen Phasen des Schießens besprochen und beschrieben. Acker bezeichnet sich selbst deshalb auch eher als "Übersetzter" denn als "Autor". Aber auch die persönlichen Erfahrungen bei der Ausbildung werden beschrieben. Im Kapitel über Atmung wird versucht, eine Verbindung zwischen Zen und Kyudo herzustellen.

Ich habe im Folgenden einige Stellen übersetzt; meines Wissens gibt es bis heute keine deutsche Übersetzung. 

 

 

 

 

 

William R. B. Acker

 

Die Grundlagen des japanischen Bogenschießens

Vorwort

Als ich in Japan ankam, im Februar vor fünf Jahren, hatte ich bereits die feste Absicht, das japanische Bogenschießen zu studieren, weil ich zuhause schon lange ein Anhänger des englischen Langbogens war. Meine ersten paar Monate in Japan vergingen schnell, ohne dass ich etwas dafür tat, und erst im Mai dieses Jahres ging ich zum Butokuden, der Halle der Kampfkünste neben dem Heian Schrein in Kioto, um dort das Bogenschießen zu sehen. Ich war im April für einen kurzen Besuch in Peking gewesen und hatte dort die berühmte Bogen- und Pfeilstraße besucht, wo ich einige chinesische Bogen kaufte. Dies hat dann meine Erforschung des orientalischen Bogenschießens in Gang gesetzt, sodass ich, als ich zurück nach Kioto kam, mich sofort zur Halle der Kampfkünste aufmachte.

Am Tage meines ersten Besuchs wurde mir erlaubt, hereinzukommen und in die Halle zu sitzen, von der aus die Bogenschützen schießen, und dem Schießen zuzuschauen, wie dies den Touristen erlaubt wird. Da ich japanisch sprach, war ich bald damit beschäftigt, Fragen zu stellen und die Fragen zu beantworten, die mir zum amerikanischen Bogenschießen gestellt wurden. Aber als ich sagte, dass ich lernen möchte, im japanischen Stil zu schießen, gab es ein allgemeines Kopfschütteln. Ein Ausländer könne es natürlich versuchen, aber die übereinstimmende Meinung schien zu sein, dass er damit nicht weit kommen würde. Es war jedoch ein Mann dort, Herr Toshisuke Nasu, der, möglicherweise einfach um des Argumentierens willen, sich auf meine Seite stellte und erklärte, dass seiner Meinung nach jedermann mit der nötigen Intelligenz und Geduld es lernen könne, unabhängig davon ob er Japaner oder Ausländer sei. Dann bot er mir sehr großzügig an, am nächsten Tag mit dem Unterricht zu beginnen um zu beweisen, dass japanisches Bogenschießen durch Ausländer gelernt und praktiziert werden könne. Wenig später verließen wir den Butokuden zusammen und gingen zu seinem Haus, wo wir eine Teezeremonie veranstalteten und eine Weile miteinander sprachen, bevor wir zum Laden eines Pfeilmachers gingen, wo er Pfeile für mich bestellte, und zwar als erstes stumpfe, federlose Übungspfeile, denn es würde eine lange Zeit dauern, versicherte er mir, bevor ich fähig sein würde, mit echten Pfeilen auf ein Ziel zu schießen.

Damals wohnte ich in einem kleinen Tempel innerhalb des großen Zen-Buddhismus-Klosters Shokokuji nördlich des Kaiserpalasts. Der Priester, der hier lebte, war im Ruhestand und vermietete seine nicht benötigten Zimmer an Studenten - und ich hatte das Glück eines davon zu bekommen. Der Platz war wunderbar ruhig und mein Raum ging auf einen Garten, hinter dem sich ein tiefer Hain mit hohem Bambus befand. Während der nächsten Monate kam mein Freund und Lehrer, Herr Toshisuke Nasu beinahe täglich früh am Morgen und lehrte mich die Kunst des japanischen Bogenschießens.

Für den Anfang lieh er mir einen eigenen weichen Bogen und brachte sein eigenes Makiwara, ein großes zylindrisches Bündel von zusammengebundenem Stroh, das manchmal in eine Röhre gepresst wird, in dessen Ende der Anfänger aus einer Distanz von etwa eineinhalb Metern seine stumpfen, federlosen Pfeile schießt bis sein Können beinahe perfekt ist und man ihm richtige Pfeile anvertrauen kann.

Toshisuke Nasu[Bild: Toshisuke Nasu] Es war harte Arbeit. Monate gingen vorbei und immer noch stand ich vor dem Makiwara und schoss unaufhörlich Pfeile (federlose) hinein und zog sie wieder heraus und die ganze Zeit stand Herr Nasu daneben und kommentierte offen jeden Schuss. Ab und zu ging er hinter mich und gab mir einen plötzliche Stoß, um zu sehen, ob mein Stand fest war, ab und zu tat er dasselbe von vorne, wenn ich es am wenigsten erwartete. An einigen Tagen ging alles schief - an einigen Tagen bemerkte er eine beträchtliche Verbesserung. Allmählich, sehr allmählich, lernte ich, den Griff am Bogen so entspannt zu halten, dass der Bogen nach der Schussabgabe eine Tendenz zu zeigen begann, sich in der Hand zu drehen. Tag für Tag wurde diese Tendenz stärker - bald würde die Sehne einen Halbkreis beschreiben und der Bogen mit der Rückseite zu mir stehen, und die ganze Zeit achtete Herr Nasu darauf, dass ich nichts mit meiner Hand tat, um dem Bogen zu helfen sich zu drehen. Das Drehen des Bogens in der Hand wird nicht wegen der Schönheit so hoch eingeschätzt sondern weil dies ein Phänomen ist, das natürlicherweise auftritt, wenn der Griff der Bogenhand genau so ist wie er sein sollte. Es dauerte einige Monate bis es soweit war, aber am Ende passierte es, dass die Sehne elegant rund herum kam und mir auf den Rücken des Handgelenks schlug, und bald passierte dies regelmäßig ...

 

 

[Im restlichen Teil des Vorworts werden die Unterschiede zwischen westlichem und japanischem Bogenschießen erklärt]

Die einzelnen Kapitel (in Klammern die Seitenzahlen im Manuskript)

Der Stand (1)

Yugamae (Bereitschaft) (6)

Allgemeine Beschreibung der Schritte, die zur Bereitschaft führen (7)

Die Bogenhand und der Griff (19)

Eines der schwierigsten Dinge beim japanischen Bogenschießen ist die Art, den Bogen zu halten: der Griff. Wenn der Schütze mit seinem Handschuh die Sehne erfasst hat, dreht er seinen Bogen ein bisschen nach links, stützt ihn immer noch auf seiner linken Kniescheibe auf, schiebt ihn in Richtung des Ziels und formt ein "V" mit Zeigefinger und Daumen, während er die restlichen Finger entspannt in Richtung des Zeigefingers hält. Dann zieht er an der Sehne bis er die Kraft des Bogens spürt und bringt seinen Griff an. Dieser Griff wird erlangt indem man das große Gelenk des Daumens kräftig gegen die rechte Kante des Bogenkörpers drückt und die restlichen Finger (ohne den Zeigefinger, der immer noch ein "V" mit dem Daumen bildet), beginnend mit dem kleinen Finger an die rechte Kante des Bogens legt und zwar derart, dass die Finger die hintere Seite des Bogens überhaupt nicht berühren. Es bildet sich ein Raum, den die Finger umschließen, durch den man einen Bleistift schieben können sollte. Die Finger müssen so hoch wie man es noch als natürlich empfindet platziert werden, allgemein gesagt, so hoch wie möglich, sodass der Daumen nicht schräg nach unten zeigt, wenn er leicht und natürlich über den Nagel des Mittelfingers gelegt wird.

Es ist wichtig, dass der kleine Finger nicht abgespreizt wird und dass Mittel- und Ringfinger den Bogen nicht zu stark festhalten. Und wenn der Bogen ausgezogen wird, sollte der Daumen von der Seite betrachtet einen rechten Winkel mit dem Bogen bilden. Dies erfordert ein großes Maß an Aufmerksamkeit.

 

Die Schultern (22)

Monomi oder Das Ziel anschauen (23)

Dozokuri (26)

 

Atmen (28)

Von den beiden Arten zu Atmen, der Brustatmung und der Zwerchfellatmung,  ist die Zwerchfellatmung die natürlichere und sie sollte ohne große Ausdehnung der Brust durchgeführt werden.

Brustatmung ist nicht natürlich und wenn sie praktiziert wird, führt die ständige Ausdehnung der Brust zu einer erheblichen Ermüdung. Das Ausatmen der Luft jedoch ist bei dieser Art Atmung leicht und gibt einem ein deutliches Gefühl der Erleichterung.

Das Einüben der Atmung besteht darin zu lernen auf eine natürliche Art zu atmen und wenn man so gelernt hat, seine Kraft in der Bauchhöhle zu konzentrieren; dann kann man sagen, man habe ein wirkliches Verständnis des Bogenschießens erreicht.

Zusammenfassend: Die Art der Atmung sollte ruhig sein, nicht aufgeregt, nicht stockend, nicht abfallend, nicht gleitend [the manner of breathing should be quiet, not agitated, not stagnant, not sinking, not floating]: sogar wenn man den Bogen im vollen Auszug hält, unmittelbar vor dem Lösen, sollte man so atmen.

...

Diese Betonung der Atmung als Methode der Konzentration und gleichzeitig der Beruhigung der nervlichen Spannung spiegelt den Einfluss der Zen- oder Meditationssekte des Buddhismus wieder. Diese Sekte hat kein formales Glaubensbekenntnis und keine Doktrin - lediglich die Überzeugung, dass man Erleuchtung nur durch seine eigene Anstrengung erlangen kann, wobei Gebete und Gläubigkeit als gänzlich nutzlos erachtet werden. Auch sind sie Monisten und anerkennen keine Trennung von Geist und Materie oder Geist und Körper, woraus die Idee folgt, dass man direkt auf seinen Geist und seine Seele einwirken könne mit Hilfe von physischen Übungen und jeden gewünschten Zustand der Seele und jede geistige Ebene erreichen könne, allein durch Übungen des Körpers.

Obwohl Buddhismus indischen Ursprungs ist, hat die Zen-Sekte sich in China entwickelt und enthält viele Elemente, die rein chinesisch sind oder die jedenfalls gut entwickelt waren in China vor der Einführung des Buddhismus.

So verwenden sie häufig das Wort "Chi" [Tschi], ausgesprochen "Ki" in Japan. Chi wird verschieden übersetzt mit "Atem", "Geist", "Aura", "Lebenskraft" und "Nerven-Energie". Es ist dieses mysteriöse, Elektrizität-ähnliche Fluidum, das entlang unserer Nerven fließt von einem Teil des Körpers zu einem andern, wie Elektrizität entlang der 2 Drähte.

...

Die Chinesen wiederum denken von der Nerven-Energie, sie sei formbar und unter ihrer Kontrolle: mindestens wenn sie sich bemühen, die Kunst, sie zu kontrollieren, zu lernen. Man kann zum Beispiel Chi in seinen Rücken, seine Beine, Arme oder Schultern oder in den Unterleib lenken, indem man die angemessenen Übungen zu Hilfe nimmt.

Indes wird von allen Möglichkeiten, bewusste Kontrolle über Chi zu erlangen, ein systematisches Atmen als die wirkungsvollste betrachtet. Mit Hilfe ihrer Atemübungen können die Yogi in Indien das Schlagen ihres Herzens nach ihrem Willen anhalten und in Gang setzen, ein Kunststück, das wahrscheinlich in China und Japan nie erreicht wurde. Das Wesentliche ist, dass für die Chinesen kein grundsätzlicher Unterschied zwischen Chi und der Seele oder dem Geist im allgemeinen besteht. Infolgedessen wird das Erlangen der Kontrolle über seine Nerven-Energie gleichgesetzt mit geistigem Fortschritt.

...

So hat man den Weg des Bambus (Flöte spielen), den Weg des Malens, den Weg der Kalligraphie, den Weg des Tees, den Weg der Blumen und bei den militärischen Künsten den Weg des Schwerts, den Weg der Biegsamkeit (Judo, bekannt als Jujitsu in Amerika) und den Weg des Bogens.

Das erste, das dem erstaunten Abendländer, der sich in eine dieser Künste hineinfragt, erzählt wird, ist, dass es nicht die Meinung sei, zu lernen wie man Flöte spiele, Blumen stecke, eine schöne chinesische Handschrift habe, des Gegners Blut vergieße, ihm den Schädel spalte oder ihn mit einem Pfeil durchbohre - weit gefehlt. Man sagt ausnahmslos, die raison d'être der Kunstfertigkeit sei die Entwicklung des Charakters, die Erlangung des Gleichgewichts, die Kontrolle des Verstandes und geistiges Training.

Ich glaube, man kann sogar sagen, dass dies besonders beim Bogenschiessen und Fechten der Fall ist, denn es gibt Bogenschützen, die sagen, dass es nicht die geringste Rolle spiele, ob sie das Ziel treffen; dass die wirkliche Frage sei, was sie geistig aus dem Bogenschießen gewinnen können.

...

 

Der Auszug (35)

Die fünf Kreuze (49)

Jiman oder Den vollen Auszug halten (50)

Zielen (61)

Hanare oder Das Auslösen (66)

Beschreibung des Bogens (76)

 

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