Ikone Zen

Kyudo und Zen

 

Buddhismus im Westen

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist im Westen das Interesse an fernöstlicher Philosophie, Religion und Mystik stark gewachsen. Dieses Interesse zeigt sich in der Literatur (zum Beispiel Hermann Hesses "Die Morgenlandfahrt"), in der Gründung zahlreicher buddhistischer Vereinigungen und nicht zuletzt in der Popularisierung der östlichen Kampfsportarten. In den letzten New-Age-Jahren hat sich diese Bewegung womöglich noch verstärkt.

Suzuki

Das Verständnis des Buddhismus (vor allem des Zen-Buddhismus) im Westen wurde durch viele Artikel und Bücher des japanischen Gelehrten Daisetz T. Suzuki gefördert.

Herrigel

Die Popularisierung des japanischen Bogenschießens und seine Verbindung mit dem Zen-Buddhismus verdanken wir dem deutschen Philosophen Eugen Herrigel (1884 - 1955). Er war Professor für Philosophie an der Universität Heidelberg und später in Erlangen. Er lehrte von 1924 bis 1929 in Japan an der Tohuku-Universität in Sendai. In dieser Zeit lernte er Bogenschießen bei seinem Lehrer Awa Kenzo. 1936 veröffentlichte er in der Zeitschrift für Japanologie den Artikel "Die Ritterliche Kunst des Bogenschiessens". Sein Artikel wurde sofort ins Japanische übersetzt und ist der Beginn seines Einflusses in Japan. 1948 veröffentlichte er sein berühmtes Buch "Zen in der Kunst des Bogenschiessens". 1956 erschien die japanische Übersetzung.

Herrigels Buch nimmt in sämtlichen Diskussionen um japanisches Bogenschießen und Zen eine zentrale Rolle ein. Es ist ein richtiger Bestseller geworden. Ich fasse im Folgenden zwei Schlüsselstellen daraus zusammen.

Zusammenfassung "Es schießt"

Die Rede ist vom Auslösen des Schusses. Herrigel machte das bis jetzt bewusst, willentlich. Damit ist sein Lehrer nicht zufrieden. Herrigel fragt, wie denn überhaupt ein Schuss gelöst werden könne, wenn er selbst das nicht tue. Darauf antwortet sein Lehrer: "Es schießt". Herrigel fragt weiter, wie das zu verstehen sei und die Antwort ist: "Wenn Sie dies einmal verstehen, haben Sie mich nicht mehr nötig". Herrigel bemüht sich, keine Fragen mehr zu stellen und übt weiter. Ihm scheint, alle seine Wünsche seien in weite Ferne gerückt. Da, eines Tages, nach einem Schuss, verbeugte sich der Meister tief und brach dann den Unterricht ab. "Soeben hat 'Es' geschossen", rief er aus.

Zusammenfassung "Nachtschießen"

Herrigel beginnt, auf eine Scheibe zu schießen (60m(!), vorher nur Makiwara). Er versucht zu zielen und trifft nicht. Der Meister meint, der Schütze treffe die Zielscheibe, ohne äußerlich gezielt zu haben, worauf Herrigel sagt, dann müsste er (der Meister) das Ziel auch mit verbundenen Augen treffen. Darauf lädt der Meister ihn ein, am Abend nochmals zu ihm zu kommen. Am Abend wird der Scheibenstand verdunkelt, nur eine schwache Kerze zeigt, wo ungefähr die Scheibe sich befindet. Der Meister schießt zwei Pfeile. Der erste ist mitten im Schwarzen, der zweite hat den Nocken des ersten getroffen und den Pfeil gespalten. Der Meister sagt: "Ich weiß, dass nicht 'ich' es war, dem dieser Schuss angerechnet werden darf. 'Es' hat geschossen und hat getroffen".

Eine kurzer Blick auf die Zeit als Herrigel in Japan war

Im ersten Weltkrieg kämpfte Japan mit England gegen Deutschland. Als Folge des politischen Liberalismus nach dem ersten Weltkrieg wurde in Japan 1925 das allgemeine Wahlrecht für Männer eingeführt. 1926 wurde Hirohito Kaiser. Der Beginn seiner Herrschaft war geprägt durch eine äußerst aggressive Außenpolitik gegen China und die Besetzung der Mandschurei. 1936, nach einem militärischen Staatsstreich, unterzeichnete Japan den sog. "Antikominternpakt" (antikommunistisches Bündnis) mit Deutschland und später auch mit Italien, was 1940 zum Dreimächtepakt führte.

Die Verbindung von japanischem Bogenschießen mit Zen

Spätestens seit Herrigel wird japanisches Bogenschießen und Zen in eine enge Verbindung gebracht. So wird zum Beispiel ein japanischer Bogen oft "Zen-Bogen" genannt.

Warum diese Verbindung von Bogenschießen und Zen? 

Mir scheint, dass es dafür (mindestens) zwei Gründe gibt:

- Es fällt leicht, tatsächliche Verbindungen von Bogenschießen mit Zen zu finden. Zum Beispiel stammen beide aus Japan. Es gibt in Japan Zen-Klöster, wo Bogenschießen als Teil des Unterrichts geübt wird. Eine Forderung von Zen ist, alles so gut wie möglich zu machen. Beim Bogenschießen ist das die einzig mögliche Haltung, alles andere fällt sofort auf einen zurück ...

- Der zweite Grund ist mehr psychologischer Natur: Menschen, die eine Neigung zu östlicher Philosophie, Religion oder Mystik haben (so genannte Suchende), werden, wenn sie überhaupt ans Bogenschießen denken, zum japanischen Bogen greifen. Selbstverständlich gibt es auch eine große Zahl westlicher Suchender, die noch nie einen Gedanken an Bogenschießen verschwendet haben und Kyudoschützen, die ihren Sport aus ganz anderen Gründen gewählt haben. Ein großer Teil der westlichen Kyudoschützen aber, davon bin ich überzeugt, sucht (mehr oder weniger bewusst) im Kyudo nach Zen (ist aber nicht bereit, eine wirkliche Zen-Ausbildung auf sich zu nehmen).

Wenn wir jetzt aber aus der Tatsache, dass japanisches Bogenschießen in der Zen-Ausbildung benutzt wird, schließen, dass das Ausüben dieses Bogenschießens einer Zen-Ausbildung gleich (oder auch nur nahe) kommt, dann liegen wir schon rein logisch falsch. Ein solcher Schluss darf auf keinen Fall gezogen werden.

Kann sein, dass die Auseinandersetzung mit japanischem Bogenschießen den einen oder andern dazu bringt, tatsächlich eine Zen-Ausbildung zu beginnen. Doch das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Die Gegenbewegung

In den letzten Jahren hat sich eine Gegenbewegung gebildet, die überzeugt ist, Kyudo habe nicht an sich mit Zen zu tun.

2001 publizierte der japanische Professor Yamada Shoji eine Entgegnung auf Herrigels Buch: "Der Mythos von Zen in der Kunst des Bogenschiessens" (The Myth of Zen in the Art of Archery), eine Untersuchung über den Einfluss von Herrigels "Zen in der Kunst des Bogenschiessens" im Westen und in Japan. Hier ein Link zum englischen Originaltext.

Es folgt eine kurze Zusammenfassung dieser Arbeit.

Für die meisten Leute ist der Begriff "japanisches Bogenschießen" oder "Kyudo" assoziiert mit "Zen". Es kann aber gezeigt werden, dass diese Verbindung in Japan erst seit 1956 besteht, und zwar seit der Publikation der japanischen Übersetzung von Herrigels Buch "Zen in der Kunst des Bogenschiessens". Seit diesem Buch wird sowohl in Japan als auch im Westen viel über eine Verbindung von Kyudo und Zen geschrieben. Bei denjenigen aber, die diesen Sport tatsächlich ausüben, finden wir einen großen Unterschied zwischen Japan und Europa. In Japan empfindet auch heute noch die überwiegende Mehrheit der Bogenschießenden ihren Sport als Spaß oder als Körpertraining, und diejenigen, die Kyudo als Teil einer Zen-Schulung auffassen, sind extrem selten. Bei einer Umfrage unter Kyudoschützen in Deutschland hingegen gaben 84 Prozent als Grund für ihre Kyudoausbildung "geistiges Training" an. 49 Prozent gaben als weiteren Grund die Lektüre von Herrigels Buch an. 

Yamada Shoji zeigt im Folgenden, dass Herrigels Buch, wenn man es als Schilderung seiner eigenen Erlebnisse und seiner eigenen Interpretation japanischer Kultur nimmt, von großem Interesse ist, dass es jedoch als verlässliche Basis für eine Interpretation des japanischen Bogenschießens in Frage gestellt werden muss. Nur Autoren, die Kyudo nicht selbst praktizieren, nehmen Herrigels diesbezügliche Ausführungen zum Nennwert.

Herrigels Lehrer, Awa Kenzo, war eine zwiespältige Persönlichkeit.  Awa war ein hervorragender Schütze, er soll eine Trefferquote von 99,7 Prozent gehabt haben (d.h. 997 Pfeile von 1000 im Ziel). Zitat: "100 mal in Folge das Ziel treffen ist keine Kunst, aber 100 mal in Folge einen guten Schuss abgeben, das ist Kunst." Später aber begann er an der üblichen Ausbildungstechnik zu zweifeln. Er entwickelte einen eigenen Stil, den er "Shado" (Weg des Schießens) nannte, der religiöse Züge hatte und das Studium der Menschheit ermöglichen sollte. Von der Kyujutsu-Gemeinschaft wurde er daraufhin als Irrer behandelt. Awa hatte auch mystische Erlebnisse. Er prägte zwar den Ausspruch "Der Bogen und Zen ist dasselbe", aber er hatte nie eine Zen-Ausbildung genossen und er hat Zen nicht bedingungslos zugestimmt.

Herrigels Erwartungen

Herrigel ging nach Japan um Zen kennen zu lernen; er suchte das mystische Erlebnis. Und: er sprach kaum japanisch. Bei beiden oben erwähnten Schlüsselstellen war kein Übersetzter dabei. Awa erwähnte später das "Nachtschießen" gegenüber seinem ältesten Schüler und bezeichnete das Resultat als Zufall. Die von Awa wiedergegebenen Gespräche bei dieser Gelegenheit sind komplett verschieden von der Herrigelschen Version. Ebenfalls ist Herrigels 1936 veröffentlichte Version verschieden von der 1948 veröffentlichten. Es scheint also, dass Herrigel einerseits durch den Wunsch nach mystischen Zen-Erlebnissen beim Bogenschießen, andererseits durch Verständnisprobleme einen Mythos schuf, der zuerst von Japan nach Europa und dann in der Rückübersetzung wieder zurück nach Japan ging.

Ende der Zusammenfassung von "The Myth of Zen in the Art of Archery"

 

Weitere Gedanken zum Thema

 

Über das Lesen von Zen


Viele haben vieles über Zen gelesen und glauben, dadurch Zen verstanden zu haben. Nur wenige in Europa haben tatsächlich eine Zen-Ausbildung hinter sich. Dazu gibt es eine sehr schöne Geschichte:

Sollte unter denjenigen, die auf diese Seite geraten sind, jemand sein, der noch nichts über Zen gelesen hat: ein Koan ist ein paradox klingendes Rätsel, das Zen-Schüler lösen müssen (z. B. "beschreibe den Klang einer einzelnen klatschenden Hand").    

Traditionsgemäß werden Wandermönche nur dann in Zen-Klöster aufgenommen, wenn sie ihr Koan nachweislich gelöst haben. 
Einst klopfte ein Mönch an ein Klostertor. Der Klosterbruder, der öffnete, begrüßte ihn nicht, sondern sagte: «Zeig mir dein ursprüngliches Gesicht. Zeig mir das Gesicht, das du trugst, ehe dein Vater und deine Mutter geboren wurden.» Der Mönch, der nur übernachten wollte, lächelte, zog eine seiner Sandalen vom Fuß und schlug dem Fragenden damit ins Gesicht. Der andere Mönch trat zurück, verbeugte sich respektvoll und hieß den Besucher willkommen. Nach dem Essen begannen Gast und Gastgeber eine Unterhaltung, und der Klosterbruder gratulierte dem Mönch zu seiner zünftigen Antwort. 
«Kennst du selber die Lösung des Koans, das du mir aufgabst? » fragte der Gast. 
«Nein», antwortete der Gastgeber, «aber ich wusste, dass deine Antwort richtig war. Du hast nicht einen Moment gezögert. Sie kam ganz spontan. Sie stimmte mit allem überein, was ich je über Zen gehört und gelesen habe.» 
Der Gast schwieg und nippte an seinem Tee. Der Gastgeber wurde plötzlich argwöhnisch. Es war etwas im Gesicht seines Gastes, das ihm nicht gefiel. 
«Du kennst doch die Lösung, nicht wahr?» fragte er. 
Der Gast fing zu lachen an und fiel schließlich vor Gelächter hintenüber auf die Matte. 
«Nein, ehrwürdiger Bruder», sagte er, «aber auch ich habe viel über Zen gehört und gelesen.» 

Aus: Janwillem van de Wetering: Der leere Spiegel, Rowohlt-Verlag (Kapitel: Totschlagversuch und Einkaufsbummel).

Soviel zum Lesen über Zen.

 

Kurzinterview

Peter Hammerschick, einer der erfahrensten Kyudoschützen Österreichs: (http://www.kyudo.at/artikel/peter.htm, Zugriff: 10.10.2004)

Frage: Wenn jemand zu dir kommt, und will Kyudo lernen, was vermittelst du diesem Menschen als erstes?
Hammerschick: Dass Kyudo Kyudo ist und nicht "Zen-Bogenschießen". Kyudo muss erst mal in seiner schwierigen Technik (komplizierter Bewegungsablauf mit damit harmonisierender Atmung) erlernt werden, alles andere wäre das berühmte "Pferd von der falschen Seite aufzäumen".

 

Eugen Herrigel und William R. B. Acker

Fast zur gleichen Zeit wie Herrigels "Die Ritterliche Kunst des Bogenschiessens" erschien 1937 ein Büchlein des Amerikaners William R. B. Acker: "Die Grundlagen des japanischen Bogenschießens" (The Fundamentals of Japanese Archery). Ich habe hier einige Abschnitte davon übersetzt (Originalausgabe s. Literaturverzeichnis). Die beiden Arbeiten sind sehr unterschiedlich. Acker interessiert sich hauptsächlich für die Schießtechnik und offensichtlich kaum für Zen. Sein Buch liest sich zeitweise wie eine moderne Trainingsanleitung. Er geht zum Beispiel sehr detailliert auf das Drehen des Bogens nach der Auslösung des Schusses ein, ein Thema, das Herrigel erstaunlicherweise überhaupt nicht erwähnt. Auch er erwähnt allerdings eine Verbindung zu Zen, nämlich über die Atemtechnik.


Maburi-Ryu-Schule für japanisches Bogenschießen (Kyujutsu, Kyudo) in Basel / Riehen